Von den fünf zentralasiatischen Staaten fehlte uns noch Turkmenistan. Ein Staat mit sehr restriktiven Einreisebedingungen, so dass wieder mal nur der Weg über unseren pakistanischen Laufveranstalter Ziyad blieb. Wir teilten ihm im Sommer unseren Bedarf mit und dann lief alles seinen obligatorischen Gang, mit Unterstützung des Australiers Ben, der die Einladungsschreiben besorgte und die Tour mit einer turkmenischen Reiseagentur zusammenstellte. Spannend wird es, wenn sich die Frequenz der Detailfragen in der Whatsapp-Gruppe erhöht und wenn am Hamburger Flughafen am Turkish Airlines-Schalter nach dem Einladungsschreiben gefragt wird … und dann der Kollege dazukommt, und sofort ASHGABAT sagt.
Der Flug nach Istanbul war problemlos und dort trafen wir am Gate bereits 16 weitere Läufer aus der 36-köpfigen Gruppe. Darunter einige Bekannte von früheren Reisen, die wir teilweise seit 10 Jahren kennen, aber auch Newcomer. Beim Boarding wurde dann nochmals das Einladungsschreiben gefordert, also auch hier ist das Reiseziel kein Standard. In Turkmenistan angekommen, erledigten wir die Visaformalitäten und bezahlten einen Corona-Test, der gar nicht gemacht wurde.
Dann brachten uns zwei Kleinbusse des Touranbieters zum Hotel, wo wir unser Gepäck unterstellten und bald zu einer ersten Stadttour starteten. Wir besuchten einige Plätze und drehten eine Runde im größten Indoor-Riesenrad. Obwohl dort sonntags gearbeitet wird, waren kaum Menschen unterwegs. Es war auch sehr leise. Man hörte weder Mensch, noch Autos oder Tiere. Turkmenistan ist der viertgrößte Erdgas-Förderer der Welt, was erklärte, dass die Gebäude, Straßen und Bürgersteige im guten Zustand sind. Per Gesetz sind nur weiße, silber- und goldfarbene PKWs in der Hauptstadt erlaubt. Weiterhin dürfen nur Hauptstadtbewohner und die aus dem umgebenden Landkreis mit dem Auto in die Stadt fahren. Alle anderen müssen ihre Lieblingsspielzeuge am Stadtrand auf Parkplätzen abstellen, um dann mit Pendlerbussen in die Stadt gefahren zu werden. Das wird von der Verkehrspolizei kontrolliert! Das hat zur Konsequenz, dass der Tourguide von einem Verkehrsstau spricht, wenn er mal drei Ampelphasen an einer Kreuzung warten muss. (Aus Sicht deutscher Autofahrer eher ein Luxusproblem.) Und die Straßen sind sehr sauber. Abends aßen wir im Hotel, bekamen unsere Startnummern und T-Shirts und einen Frühstücksbeutel für den nächsten Morgen, da wir um fünf Uhr, und somit vor der Frühstückszeit, mit dem Marathonlauf starten würden.
Nach den üblichen Fotos und dem Briefing ging es nach draußen. Dort war der Verpflegungstisch gut bestückt aufgebaut und der Rundenzähler stand bereit. Nach dem Auftaktstück waren 20 Runden um das Hotel und einen anschließenden Grünstreifen zu laufen. Anfangs war es recht frisch und ich fragte mich mehrmals, warum ich keine Handschuhe angezogen hatte. Wir mussten mehrere Straßen queren, aber die Autofahrer sind sehr diszipliniert, nehmen Rücksicht und beachten vor allem rote Ampeln. Als es dämmerte kamen auch endlich die Leute raus, gingen zur Arbeit oder einkaufen, trieben Sport oder führten ihre Hunde Gassi. In den Bäumen des Grünstreifens krächzten die Krähen - ganz wie zu Hause. Das Rennen nahm seinen Lauf, man wurde überholt oder überholte, zählte mit dem Rundenzähler die eigenen Runden und trank alle zehn Kilometer einen Becher Cola. Nach meinem Zieleinlauf und Medaillenübergabe ließ ich noch ein Video drehen, weil der NDR um Bewegtbilder gebeten hatte. Ich duschte und besuchte den russischen Markt, um die üblichen Souvenirs zu kaufen. Auf dem Rückweg traf ich die letzte Läuferin und aß mit den anderen Läufern im Hotel zu Mittag. Darauf folgte eine halbtägige Tour zu der historischen Stadtruine, in der viele junge Leute in folkloristischer Kleidung Fotos machten. Anschließend besuchten wir die größte Moschee des Landes. Die Männer beten im Erdgeschoss, die Frauen gleichzeitig auf der Empore im zweiten Stock. Der Teppich im Zentrum ist 20 mal 20 Meter groß, in sechs Monaten in einem Stück handgewebt. Abends aß die gesamte Gruppe gemeinsam in einem Kaffee gegenüber vom Hotel.
Am nächsten Tag machten wir einen Ganztagsausflug mit acht weißen SUVs nach Norden zum Gate of Hell. Dieser Krater mit 70 Meter Durchmesser ist entstanden, als bei einer Gasbohrung eine unterirdische Höhle in 20 Metern Tiefe getroffen wurde und die Oberfläche eingebrochen ist. Die darin befindlichen Erdgasquellen sind immer noch aktiv und werden an den Kraterwänden und -grund abgefackelt. Ein sehr eindrucksvolles Bild, besonders im Dunkeln. Am Kraterrand steigt bei der abendlichen Kälte angenehm wärmende Luft nach oben. Nach der Siegerehrung des 10-km-Laufs mit Start und Ziel am Krater, überreichte mir der Veranstalter den Pokal für meine Marathonläufe in allen 23 Anrainerstaaten des Mittelmeers. Den letzten hatte ich in Libyen im Februar absolviert, nun war der Pokal fertig und die Ehrung durch Ziyad konnte stattfinden. Nach dem Gruppenabendessen in einem Jurtezelt-Restaurant rumpelten wir wieder zwei Stunden (von insgesamt vier) über eine Buckelsandpiste zurück in die Hauptstadt. Ich wertete es als kostenlose Endlosachterbahnfahrt, andere wollten gleich einen Termin mit ihrem Masseur vereinbaren. Es folgte wie immer die herzliche Verabschiedung von unseren Lauffreunden und nach einer Dusche und Rucksackpacken fuhren wir mit einigen anderen zum Flughafen, um gen Heimat zu starten. Mittags wollen wir zu Hause sein, denn abends hat der HSV Heimspiel und wir haben Karten.
Das war´s aus Turkmenistan: Doris‘ 112., Marios 118. Länderpunkt.
- Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können